
Der Koalitionsvertrag zeigt, wie die künftige Regierung Deutschlands digitale Zukunft gestalten will. Was bedeuten die Pläne konkret für Unternehmen? Hier die wichtigsten Auswirkungen:
Die Koalitionäre setzen stark auf digitale Souveränität – ein Ansatz, der tiefgreifende Auswirkungen für Unternehmen haben könnte.
Hintergrund und Kontext: Diese Maßnahmen spiegeln ein grundlegendes Umdenken in der deutschen Digitalpolitik wider. Die Erkenntnis „Digitalpolitik ist Machtpolitik“ steht gleich zu Beginn des Papiers und zeigt, dass digitale Souveränität nicht mehr nur als wirtschaftliche, sondern auch als geopolitische Notwendigkeit gesehen wird.
Der Ukraine-Krieg und die anhaltenden Spannungen mit China haben Deutschland und Europa die Risiken technologischer Abhängigkeiten drastisch vor Augen geführt. Gleichzeitig hat der Chipengpass während der COVID-Pandemie die Fragilität globaler Lieferketten offenbart. Die Koalitionäre versuchen mit diesen Maßnahmen ganz offensichtlich, Deutschland aus der „Sandwich-Position“ zwischen USA und China zu befreien und eine eigenständige digitale Identität zu entwickeln, ohne dabei die EU-Partner aus den Augen zu verlieren.
Die Fokussierung auf offene Standards und Open Source ist dabei kein Zufall. Sie ermöglicht einerseits staatliche Kontrolle über kritische Infrastrukturen, ohne sich in neue proprietäre Abhängigkeiten zu begeben, und schafft andererseits Innovationspotenzial für die heimische Wirtschaft. Der mögliche 50-Prozent-Anteil für Open Source würde eine radikale Abkehr vom Status quo darstellen und könnte voraussichtlich transformative Effekte auf den gesamten IT-Sektor in Deutschland haben.
Ein zentrales Element der geplanten zukünftigen Digitalpolitik betrifft den Umgang mit Daten – hier sind weitreichende Änderungen geplant:
Hintergrund und Kontext: Deutschland hat in der Vergangenheit im Bereich der Datenökonomie Chancen verpasst. Während die USA mit einem unternehmensfreundlichen und China mit einem staatsgesteuerten Ansatz zur Datennutzung enormes Wachstum in datengetriebenen Branchen erzielten, kämpfte Deutschland mit der Balance zwischen Datenschutz und Datennutzung.
Die Politik erkennt mittlerweile: Europa kann es sich nicht leisten, nur Regeln für die Datenwirtschaft zu setzen, ohne selbst aktiv daran teilzunehmen. Der neue Ansatz versucht, die traditionelle Stärke Deutschlands im Bereich Datenschutz mit wirtschaftlichen Innovationspotenzialen zu verbinden. Die Datentreuhänder spielen dabei eine Schlüsselrolle als vertrauenswürdige Vermittler zwischen Datenschutz und Datennutzung.
Bemerkenswert ist auch der klare Fokus auf öffentliche Daten: Mit dem „public money, public data“-Prinzip und dem Rechtsanspruch auf Open Data bei staatlichen Einrichtungen will die Koalition den Staat als Daten-Enabler positionieren. Dies steht im Einklang mit der EU-Datenstrategie und Initiativen wie dem Data Governance Act und dem Data Act.
Das angedachte Datengesetzbuch wäre ein Meilenstein: Es würde die derzeit fragmentierte Rechtslage (DSGVO, TTDSG, spezifische Branchenregulierungen) vereinheitlichen und Rechtssicherheit schaffen. Die gesonderten Regelungen für Mobilitäts-, Gesundheits- und Forschungsdaten zeigen, dass die Koalitionäre die besondere wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung dieser Daten erkannt haben und maßgeschneiderte Lösungen anstreben.
Die Parteien des Koalitionsvertrags legen großen Wert auf den Ausbau digitaler Infrastrukturen.
Hintergrund und Kontext: Die digitale Infrastruktur ist seit Jahren Deutschlands Achillesferse. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der Glasfaserversorgung und auch bei 5G hinter führenden Nationen wie Südkorea oder Japan hinterher. Diese Lücke hat nicht nur Auswirkungen auf private Nutzer:innen, sondern stellt zunehmend ein Standortrisiko für die Wirtschaft dar, besonders für datenintensive Industrien und Innovationen wie autonomes Fahren oder Smart Manufacturing.
Das Koalitionspapier adressiert die bekannten Probleme: langwierige Genehmigungsverfahren, unklare Zuständigkeiten und fehlende Investitionsanreize. Der Ansatz „Markt vor Staat“ zeigt, dass man primär auf privatwirtschaftliche Investitionen setzt, diese aber durch staatliche Förderung ergänzen will, wo der Markt versagt – typischerweise in ländlichen Regionen oder strukturschwachen Gebieten.
Das geplante Beschleunigungsgesetz, das den Ausbau als „überragendes öffentliches Interesse“ definiert, könnte ein Game-Changer sein. Es würde Mobilfunk- und Glasfaserprojekten ähnliche Priorität einräumen wie dem Ausbau erneuerbarer Energien und könnte so Genehmigungsverfahren drastisch beschleunigen.
Bemerkenswert ist auch die starke Betonung von Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Die Koalitionäre haben offenbar erkannt, dass die Cloud- und KI-Revolution nicht nur neue Softwareanwendungen, sondern auch massiven Bedarf an physischer Infrastruktur mit sich bringt. Die Idee der „AI-Gigafactories“ spiegelt den wachsenden Wettbewerb um KI-Rechenkapazität wider.
Die explizite Erwähnung von Edge-Computing zeigt zudem, dass die Koalition nicht nur auf zentralisierte Rechenzentren setzt, sondern auch die dezentrale Datenverarbeitung in Kundennähe als wichtigen Trend erkannt hat – besonders relevant für Echtzeit-Anwendungen in Industrie 4.0, autonomem Fahren und Smart Cities.
Die zukünftige Koalition will Deutschland als „Spitzenstandort für digitale Zukunftstechnologien“ positionieren.
Hintergrund und Kontext: Die KI-Revolution hat Deutschland in eine ambivalente Position gebracht: Einerseits verfügt das Land über exzellente Forschungseinrichtungen und eine starke industrielle Basis, die von KI-Anwendungen profitieren könnte. Andererseits droht Deutschland bei bahnbrechenden KI-Innovationen hinter die USA und China zurückzufallen, die massiv in diese Technologie investieren.
Die Formulierung zu „branchenspezifischen KI-Sprachmodellen“ ist aufschlussreich. Statt mit generalistischen Modellen direkt zu konkurrieren, setzt Deutschland auf eine Nischenstrategie, die seine industriellen Stärken in Bereichen wie Automotive, Maschinenbau oder Chemie mit KI-Spezialexpertise verbindet. Dies könnte ein kluger Weg sein, um in bestimmten Branchen weltweit führende KI-Anwendungen zu entwickeln, ohne in einen aussichtslosen Wettlauf um allgemeine KI-Modelle einzutreten.
Die kritische Haltung zum EU AI Act ist bemerkenswert. Während Deutschland traditionell für strenge Regulierung steht, zeigt der Wunsch nach Überarbeitung oder zumindest flexibler Implementierung des AI Acts ein zunehmendes Bewusstsein, dass übermäßige Regulierung die Innovationsfähigkeit behindern könnte. Die zentrale Servicestelle soll dabei helfen, die Komplexität der neuen Regelungen für Unternehmen handhabbar zu machen – ein wichtiger Schritt, um regulatorische Hürden praktisch zu senken, ohne auf Schutzstandards zu verzichten.
Die starke Betonung von Reallaboren für KMUs und Start-ups zeigt das Bemühen, KI-Innovationen nicht nur den Tech-Giganten zu überlassen, sondern breiter in der Wirtschaft zu verankern. Dies steht im Einklang mit Deutschlands traditioneller Stärke im Mittelstand.
Die Einbeziehung der Raumfahrtindustrie in die Digitalpolitik unterstreicht die wachsende Bedeutung von Satellitenkommunikation für digitale Infrastrukturen – besonders in Krisenzeiten oder für die Versorgung abgelegener Gebiete. Der explizite Wunsch nach „souveränen Kapazitäten“ zur Satellitenstartfähigkeit zeigt, dass die Koalitionäre auch im All nicht von anderen Mächten abhängig sein wollen.
Die digitale Transformation der Verwaltung soll entscheidend vorangetrieben werden:
Die Informationssicherheit und digitale Resilienz werden noch stärker als bisher Fokuspunkte der deutschen Politik:
Hintergrund und Kontext: Die geopolitische Lage, zunehmende Cyberangriffe auf Unternehmen und staatliche Einrichtungen sowie hybride Bedrohungen erfordern eine deutliche Stärkung der digitalen Abwehrkräfte und der Widerstandsfähigkeit (Resilienz). Der Schutz kritischer Infrastrukturen ist essentiell für das Funktionieren von Staat und Wirtschaft. Der Koalitionsvertrag reagiert darauf mit einem Bündel an Maßnahmen, von der Stärkung staatlicher Institutionen wie dem BSI über den Aufbau sicherer Technologieketten bis hin zur Unterstützung der Wirtschaft, insbesondere der KMU, bei der Verbesserung ihrer eigenen Sicherheit und der Erfüllung neuer EU-Vorgaben (NIS-2, Cyber Resilience Act). Digitale Resilienz wird als gesamtstaatliche Aufgabe und Voraussetzung für digitale Souveränität verstanden.
Die Digitalisierungspläne der Koalition könnten, wenn sie tatsächlich so umgesetzt werden, die digitale Landschaft Deutschlands erheblich verändern. Für Unternehmen bedeutet dies:
Allerdings bleiben einige Aspekte noch unscharf, wie die Finanzierung der Maßnahmen und die Auflösung von Widersprüchen zwischen verschiedenen Arbeitsgruppen. Unternehmen sollten die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und sich frühzeitig auf die kommenden Veränderungen einstellen.
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