Suche
Contact
16.07.2021 | KPMG Law Insights

Produktpiraterie – Produktpiraterie – Eine wachsende globale Herausforderung und deren Bekämpfung

Produktpiraterie – Eine wachsende globale Herausforderung und deren Bekämpfung

I. Einleitung

Produktpiraterie stellt eine wachsende globale Herausforderung für Unternehmen vieler Branchen dar. Gefälschte Produkte bedeuten Schäden für Image, Umsatz, Arbeitsplätze und sogar Gefahren für Verbraucher. Unternehmen begegnen hier einer internationalen Herausforderung, denn die gefälschten Produkte stammen oft aus dem (außereuropäischen) Ausland, die Täter verkaufen die Fälschungen online und sind dafür – und für die Verschleierung der Herkunft – technisch gut ausgerüstet. Die Digitalisierung bietet Chancen und Risiken für Unternehmen, denn der zunehmende Online-Handel ermöglicht zwar einerseits Anonymität, kann aber zugleich eine Chance bei der effektiven Verfolgung darstellen. Unternehmen setzen zunehmend Legal Tech zur intelligenten Analyse von Big Data online und offline im Kampf gegen Produktpiraterie ein. Daneben sind entscheidende Erfolgsfaktoren die rechtliche Expertise und lokale Präsenz im Kampf gegen die Piraten.

 

II. Produktpiraterie – eine wachsende globale Herausforderung

Im Jahr 2019 wurden an den europäischen Grenzen 90.000 gefälschte Waren beschlagnahmt. Dies entspricht einem Warenwert von ca. 760 Millionen Euro und Umsatzverlusten in Höhe von ca. 83 Milliarden Euro.[1] Global lagen die Umsatzverluste sogar bei 460 Milliarden Euro. Davon ergeben sich alleine 19 Milliarden Euro der Umsatzverluste im letzten Jahr aus den Kategorien Kosmetik, Pharmazeutika, Wein und Spirituosen und Spiele.[2] Laut einer Studie des EUIPO waren die top fünf Kategorien für Produktfälschungen Lifestyle- und Luxusgüter, Zigaretten, Verpackungsmaterialien, Spielzeuge und Bekleidung[3].

Produktpiraterie hat einen verheerenden Einfluss auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. 2019 verloren aufgrund von Produktpiraterie 671.000 Arbeitnehmer in der EU ihren Job.[4] Die gefälschten Produkte bergen auch für Verbraucher Gefahren: Vergiftungen durch Chemikalien, Feuer, Erstickungs- und Strangulierungsgefahren, Elektroschocks und Gehörschädigungen.[5] Aufgrund der Einnahme von gefälschten Medikamenten sterben jährlich weltweit geschätzt 1 Million Menschen.[6]

Nicht zuletzt führt dies zu Reputationsschäden für die Markeninhaber. Der Verbraucher bringt die gefälschten Waren immer in Zusammenhang mit dem Hersteller der Originale, was zu dauerhaften Imageschäden führen kann.

An den genannten Zahlen erkennt man, dass es sich um ein globales Problem handelt. Deshalb stellt die Verfolgung von Produktpiraterie die Unternehmen vor große Herausforderungen.

 

III. Digitalisierung – Chancen und Risiken für Unternehmen

Die Digitalisierung schreitet weltweit voran und erfährt durch die anhaltende Pandemie einen Turbo. Während in Deutschland 1999 lediglich 1,6 Milliarden Euro Umsatz über E-Commerce gemacht wurden, wurden 2019 bereits 59,2 Milliarden Euro Umsatz im E-Commerce Bereich gemacht. [7]  Die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren fast vervierzigfacht.

Diese Entwicklung bietet neue Möglichkeiten für alle Beteiligten. Die Verbraucher können immer mehr Produkte online kaufen – und gewöhnen sich auch an diese Bequemlichkeit – und Fälscher können ihre Produkte unabhängig vom Standort und der Sprache der Verbraucher direkt anbieten. Die Möglichkeiten für den Onlinehandel wachsen stetig durch neue Plattformen. Produkte werden nicht mehr nur über Websites oder Online-Marktplätze angeboten und verkauft, sondern es kommen neue Vertriebskanäle wie Social Media oder App Stores hinzu.

Insbesondere die Covid19-Pandemie spielt eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung. Durch den anhaltenden Lockdown bestellen die Verbraucher immer mehr online und werden dem stationären Handel wahrscheinlich auch zukünftig immer mehr den Rücken kehren. Hinzu kommen Jobverluste und Lohneinbußen aufgrund der Pandemie, die den Verbraucher günstigere Waren und gegebenenfalls auch bewusst Fälschungen kaufen lassen.

Insbesondere in China sind Produktpiraterie und der Handel mit gefälschten Waren seit Jahren ein Problem. Hier werden viele der gefälschten Produkte hergestellt und über Online-Marktplätze vertrieben. Aus diesem Grund trat am 1. Januar 2019 in China das E-Commerce Gesetz in Kraft. Gegen Plattformanbieter, die nicht gegen Produktpiraterie auf ihrer eigenen Plattform vorgehen, kann eine Geldbuße in Höhe bis zu 260.000 EUR verhängt werden.

 

IV. Legal Tech – im Kampf gegen Produktpiraterie

Im Kampf gegen Produktpiraterie kann Legal Tech entscheidende Vorteile bieten. Es kann eine große Anzahl von Angeboten in kürzester Zeit unabhängig von Sprache, Tageszeit und Grenzen aufgefunden werden.

Der Umgang mit Produktpiraterie in den Unternehmen ist dabei noch sehr unterschiedlich. Einige große Unternehmen haben eigene Tools zur Verfolgung von Fälschungen entwickelt und arbeiten mit diesen. Andere arbeiten mit externen Anbietern. Hierbei kommt es schnell zu einer Überforderung durch die Flut der Ergebnisse. Manche unterschätzen das Ausmaß der Piraterie oder verschließen die Augen davor.

Der Einsatz spezialisierter Technologie bringt hier erhebliche Vorteile – nämlich Zeit- und Kostenersparnis und eine ungleich höhere Reichweite und Effektivität. Die eingesetzten Tools suchen in der Regel automatisiert nach Fälschungen auf verschiedenen Plattformen und Kanälen, wie Online-Marktplätzen, Webseiten, Social Media und teilweise sogar im Dark Web.

Der Einsatz von Legal Tech Lösungen kann die oben genannten Umsatzverluste verringern. Manche Tools können dabei sogar den sogenannten Return on Investment (ROI) berechnen. Zudem berichten Unternehmen darüber, dass Fälscher von den Marken und Produkten ablassen, sobald sie merken, dass sich die Unternehmen gegen ihr Handeln wehren. Das Unternehmen ist dann nicht mehr für die Fälscher interessant, da z.B. ihre Seiten gesperrt werden und sie mit erheblichem Aufwand neue Accounts zum Verkauf anlegen müssen.

Eine Vereinfachung der Durchsetzung ist notwendig, um der Flut an Fälschungen Herr zu werden. Im Jahr 2019 wurden rund 41 Millionen gefälschte Artikel an Europäischen Grenzen beschlagnahmt – aber es wurden nur über ca. 5 Millionen dieser Fälschungen Ansprüche gerichtlich geltend gemacht. Über ca. 1 Million Fälschungen haben die Parteien sich außergerichtlich geeinigt. Wegen ca. 3 Millionen Fälschungen wurden Strafverfahren innerhalb der EU eingeleitet.[8]

Zur Durchsetzung der Ansprüche gegen die Produktfälscher ist ein internationales Netzwerk von Detektiven, Anwälten und anderen Dienstleistern erforderlich. Der Einsatz eines solchen Netzwerkes bedeutet für viele Unternehmen aber hohe Kosten und großen Aufwand.

Zudem kommt die Schwierigkeit der Beweissicherung. Sollte es zu einem Verfahren kommen, müssen Beweise erbracht werden. Bei der Masse an Fälschungen ist das oftmals nicht einfach. Die Fälscher sind schnell und hervorragend organisiert. Oft sind die Angebote innerhalb kürzester Zeit nicht mehr auffindbar. Hier ist ein enormer Aufwand erforderlich, um die Beweise zu sichern. Durch Legal Tech Lösungen und Automatisierung kann dieser Aufwand maßgeblich reduziert werden.

Die Digitalisierung bringt also Risiken für den Online-Handel mit sich, gleichzeitig bietet sie auch Chancen, Produktpiraterie effizienter zu bekämpfen. Mit dem Einsatz von Legal Tech Lösungen bekommen Unternehmen effiziente und kostengünstige Lösungen für ein Vorgehen gegen Fälscher. Mit der konsequenten Bekämpfung von Produktpiraterie können Unternehmen den dadurch begründeten Umsatzrückgang stoppen. Durch Technologie lässt sich der personelle Aufwand auf ein Minimum reduzieren.

 

 

[1] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[2] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

[3] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

[4] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[5] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[6] MIS Quarterly Executive, 2019, How an Enterprise Blockchain Application in the U.S. Pharmaceuticals Supply Chain is Saving Lives.

[7] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3979/umfrage/e-commerce-umsatz-in-deutschland-seit-1999/​

[8] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

Explore #more

19.06.2024 | PR-Veröffentlichungen

Gastbeitrag in der Börsenzeitung: Nachfolgeplanung für Familienbetriebe früh angehen

Die Erfahrung zeigt, dass weniger besser als nichts ist – Schon einzelne Maßnahmen können große Effekte nach sich ziehen. Welche wichtigen Bausteine zur Nachfolgelösung notwendig…

17.06.2024 | Pressemitteilungen

KPMG Law stärkt Steuer- und Wirtschaftsstrafrecht mit Florian Kirstein

KPMG Law hat sich zum 1. Juni mit Florian Kirstein im Bereich Steuer- und Wirtschaftsstrafrecht verstärkt  Florian Kirstein kommt von der Staatsanwaltschaft Hamburg, wo er…

13.06.2024 | PR-Veröffentlichungen

Kommentar zum Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) erschienen mit Beiträgen von KPMG Law

Nach jahrelangem Ringen haben Bundestag und Bundesrat im Jahr 2023 die Whistleblowing-Richtlinie der EU in nationales Recht umgesetzt: Das seit Juli 2023 geltende Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG)…

13.06.2024 | Pressemitteilungen

Handelsblatt und Best Lawyers zeichnet KPMG Law Expert:innen aus

Best Lawyers hat erneut exklusiv für das Handelsblatt die besten Wirtschaftsanwältinnen und -anwälte Deutschlands für das Jahr 2024 ermittelt. Insgesamt wurden 28  Anwältinnen und Anwälte…

12.06.2024 | KPMG Law Insights

Podcast-Serie „KPMG Law on air“: KI und Datenschutz – darauf sollten Start-ups achten

Start-ups stehen für neue Ideen, Pioniergeist und Tatendrang. Datenschutz und Datenmanagement sind vielen jungen Unternehmen eher lästig und werden als Bremse betrachtet. Gleichzeitig sind die…

11.06.2024 | KPMG Law Insights

Podcast-Serie „KPMG Law on air“: US Immigration

Für eine Einreise in die USA stehen eine Reihe von Visa zur Verfügung, doch welches ist das richtige? Kann man visumsfrei einreisen oder benötigt man…

07.06.2024 | PR-Veröffentlichungen

Beitrag auf FINANCE mit KPMG Law Statement: Ist die Rechtsabteilung Sache des CFOs?

In dem Artikel vom 07. Juni 2024 findet sich ein Beitrag mit Statement von KPMG Law Experte Andreas Bong. Ist die Rechtsabteilung Sache des…

05.06.2024 | KPMG Law Insights

Bereit für DORA? Diese Vertragsanpassungen sind notwendig

Mit der fortschreitenden Digitalisierung steigt auch das Risiko für Cyberangriffe im Finanzsektor. Um Marktteilnehmende zu schützen, hatte die EU im Dezember 2022 den Digital Operational…

04.06.2024 | PR-Veröffentlichungen

Gastbeitrag zu Klimaklagen in der Börsen-Zeitung

Klimaklagen sind trotz rechtlicher Hindernisse ein reales Risiko für Unternehmen und Regierungen. Welche präventiven Maßnahmen angeraten sind, wissen KPMG Law Expertinnen Isabelle Knoché und Jasmina…

30.05.2024 | PR-Veröffentlichungen

Gastbeitrag zur Stiftungsrechtsreform im Private Banking Magazin

Am 1. Juli 2023 trat die wohl größte Stiftungsrechtsreform in Deutschland seit 1896 in Kraft – und nach knapp einem Jahr gibt es erste Erfahrungen…

Kontakt

Dr. Anna-Kristine Wipper

Partner
Leiterin Technologierecht

Heidestraße 58
10557 Berlin

tel: +49 30 530199731
awipper@kpmg-law.com

© 2024 KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, assoziiert mit der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, einer Aktiengesellschaft nach deutschem Recht und ein Mitglied der globalen KPMG-Organisation unabhängiger Mitgliedsfirmen, die KPMG International Limited, einer Private English Company Limited by Guarantee, angeschlossen sind. Alle Rechte vorbehalten. Für weitere Einzelheiten über die Struktur der globalen Organisation von KPMG besuchen Sie bitte https://home.kpmg/governance.

KPMG International erbringt keine Dienstleistungen für Kunden. Keine Mitgliedsfirma ist befugt, KPMG International oder eine andere Mitgliedsfirma gegenüber Dritten zu verpflichten oder vertraglich zu binden, ebenso wie KPMG International nicht autorisiert ist, andere Mitgliedsfirmen zu verpflichten oder vertraglich zu binden.

Scroll