News-Services
Autor
Dr. Anna-Kristine Wipper
mehr

Produktpiraterie – Eine wachsende globale Herausforderung und deren Bekämpfung

I. Einleitung

Produktpiraterie stellt eine wachsende globale Herausforderung für Unternehmen vieler Branchen dar. Gefälschte Produkte bedeuten Schäden für Image, Umsatz, Arbeitsplätze und sogar Gefahren für Verbraucher. Unternehmen begegnen hier einer internationalen Herausforderung, denn die gefälschten Produkte stammen oft aus dem (außereuropäischen) Ausland, die Täter verkaufen die Fälschungen online und sind dafür – und für die Verschleierung der Herkunft – technisch gut ausgerüstet. Die Digitalisierung bietet Chancen und Risiken für Unternehmen, denn der zunehmende Online-Handel ermöglicht zwar einerseits Anonymität, kann aber zugleich eine Chance bei der effektiven Verfolgung darstellen. Unternehmen setzen zunehmend Legal Tech zur intelligenten Analyse von Big Data online und offline im Kampf gegen Produktpiraterie ein. Daneben sind entscheidende Erfolgsfaktoren die rechtliche Expertise und lokale Präsenz im Kampf gegen die Piraten.

 

II. Produktpiraterie – eine wachsende globale Herausforderung

Im Jahr 2019 wurden an den europäischen Grenzen 90.000 gefälschte Waren beschlagnahmt. Dies entspricht einem Warenwert von ca. 760 Millionen Euro und Umsatzverlusten in Höhe von ca. 83 Milliarden Euro.[1] Global lagen die Umsatzverluste sogar bei 460 Milliarden Euro. Davon ergeben sich alleine 19 Milliarden Euro der Umsatzverluste im letzten Jahr aus den Kategorien Kosmetik, Pharmazeutika, Wein und Spirituosen und Spiele.[2] Laut einer Studie des EUIPO waren die top fünf Kategorien für Produktfälschungen Lifestyle- und Luxusgüter, Zigaretten, Verpackungsmaterialien, Spielzeuge und Bekleidung[3].

Produktpiraterie hat einen verheerenden Einfluss auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. 2019 verloren aufgrund von Produktpiraterie 671.000 Arbeitnehmer in der EU ihren Job.[4] Die gefälschten Produkte bergen auch für Verbraucher Gefahren: Vergiftungen durch Chemikalien, Feuer, Erstickungs- und Strangulierungsgefahren, Elektroschocks und Gehörschädigungen.[5] Aufgrund der Einnahme von gefälschten Medikamenten sterben jährlich weltweit geschätzt 1 Million Menschen.[6]

Nicht zuletzt führt dies zu Reputationsschäden für die Markeninhaber. Der Verbraucher bringt die gefälschten Waren immer in Zusammenhang mit dem Hersteller der Originale, was zu dauerhaften Imageschäden führen kann.

An den genannten Zahlen erkennt man, dass es sich um ein globales Problem handelt. Deshalb stellt die Verfolgung von Produktpiraterie die Unternehmen vor große Herausforderungen.

 

III. Digitalisierung – Chancen und Risiken für Unternehmen

Die Digitalisierung schreitet weltweit voran und erfährt durch die anhaltende Pandemie einen Turbo. Während in Deutschland 1999 lediglich 1,6 Milliarden Euro Umsatz über E-Commerce gemacht wurden, wurden 2019 bereits 59,2 Milliarden Euro Umsatz im E-Commerce Bereich gemacht. [7]  Die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren fast vervierzigfacht.

Diese Entwicklung bietet neue Möglichkeiten für alle Beteiligten. Die Verbraucher können immer mehr Produkte online kaufen – und gewöhnen sich auch an diese Bequemlichkeit – und Fälscher können ihre Produkte unabhängig vom Standort und der Sprache der Verbraucher direkt anbieten. Die Möglichkeiten für den Onlinehandel wachsen stetig durch neue Plattformen. Produkte werden nicht mehr nur über Websites oder Online-Marktplätze angeboten und verkauft, sondern es kommen neue Vertriebskanäle wie Social Media oder App Stores hinzu.

Insbesondere die Covid19-Pandemie spielt eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung. Durch den anhaltenden Lockdown bestellen die Verbraucher immer mehr online und werden dem stationären Handel wahrscheinlich auch zukünftig immer mehr den Rücken kehren. Hinzu kommen Jobverluste und Lohneinbußen aufgrund der Pandemie, die den Verbraucher günstigere Waren und gegebenenfalls auch bewusst Fälschungen kaufen lassen.

Insbesondere in China sind Produktpiraterie und der Handel mit gefälschten Waren seit Jahren ein Problem. Hier werden viele der gefälschten Produkte hergestellt und über Online-Marktplätze vertrieben. Aus diesem Grund trat am 1. Januar 2019 in China das E-Commerce Gesetz in Kraft. Gegen Plattformanbieter, die nicht gegen Produktpiraterie auf ihrer eigenen Plattform vorgehen, kann eine Geldbuße in Höhe bis zu 260.000 EUR verhängt werden.

 

IV. Legal Tech – im Kampf gegen Produktpiraterie

Im Kampf gegen Produktpiraterie kann Legal Tech entscheidende Vorteile bieten. Es kann eine große Anzahl von Angeboten in kürzester Zeit unabhängig von Sprache, Tageszeit und Grenzen aufgefunden werden.

Der Umgang mit Produktpiraterie in den Unternehmen ist dabei noch sehr unterschiedlich. Einige große Unternehmen haben eigene Tools zur Verfolgung von Fälschungen entwickelt und arbeiten mit diesen. Andere arbeiten mit externen Anbietern. Hierbei kommt es schnell zu einer Überforderung durch die Flut der Ergebnisse. Manche unterschätzen das Ausmaß der Piraterie oder verschließen die Augen davor.

Der Einsatz spezialisierter Technologie bringt hier erhebliche Vorteile – nämlich Zeit- und Kostenersparnis und eine ungleich höhere Reichweite und Effektivität. Die eingesetzten Tools suchen in der Regel automatisiert nach Fälschungen auf verschiedenen Plattformen und Kanälen, wie Online-Marktplätzen, Webseiten, Social Media und teilweise sogar im Dark Web.

Der Einsatz von Legal Tech Lösungen kann die oben genannten Umsatzverluste verringern. Manche Tools können dabei sogar den sogenannten Return on Investment (ROI) berechnen. Zudem berichten Unternehmen darüber, dass Fälscher von den Marken und Produkten ablassen, sobald sie merken, dass sich die Unternehmen gegen ihr Handeln wehren. Das Unternehmen ist dann nicht mehr für die Fälscher interessant, da z.B. ihre Seiten gesperrt werden und sie mit erheblichem Aufwand neue Accounts zum Verkauf anlegen müssen.

Eine Vereinfachung der Durchsetzung ist notwendig, um der Flut an Fälschungen Herr zu werden. Im Jahr 2019 wurden rund 41 Millionen gefälschte Artikel an Europäischen Grenzen beschlagnahmt – aber es wurden nur über ca. 5 Millionen dieser Fälschungen Ansprüche gerichtlich geltend gemacht. Über ca. 1 Million Fälschungen haben die Parteien sich außergerichtlich geeinigt. Wegen ca. 3 Millionen Fälschungen wurden Strafverfahren innerhalb der EU eingeleitet.[8]

Zur Durchsetzung der Ansprüche gegen die Produktfälscher ist ein internationales Netzwerk von Detektiven, Anwälten und anderen Dienstleistern erforderlich. Der Einsatz eines solchen Netzwerkes bedeutet für viele Unternehmen aber hohe Kosten und großen Aufwand.

Zudem kommt die Schwierigkeit der Beweissicherung. Sollte es zu einem Verfahren kommen, müssen Beweise erbracht werden. Bei der Masse an Fälschungen ist das oftmals nicht einfach. Die Fälscher sind schnell und hervorragend organisiert. Oft sind die Angebote innerhalb kürzester Zeit nicht mehr auffindbar. Hier ist ein enormer Aufwand erforderlich, um die Beweise zu sichern. Durch Legal Tech Lösungen und Automatisierung kann dieser Aufwand maßgeblich reduziert werden.

Die Digitalisierung bringt also Risiken für den Online-Handel mit sich, gleichzeitig bietet sie auch Chancen, Produktpiraterie effizienter zu bekämpfen. Mit dem Einsatz von Legal Tech Lösungen bekommen Unternehmen effiziente und kostengünstige Lösungen für ein Vorgehen gegen Fälscher. Mit der konsequenten Bekämpfung von Produktpiraterie können Unternehmen den dadurch begründeten Umsatzrückgang stoppen. Durch Technologie lässt sich der personelle Aufwand auf ein Minimum reduzieren.

 

 

[1] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[2] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

[3] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

[4] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[5] Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.

[6] MIS Quarterly Executive, 2019, How an Enterprise Blockchain Application in the U.S. Pharmaceuticals Supply Chain is Saving Lives.

[7] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3979/umfrage/e-commerce-umsatz-in-deutschland-seit-1999/​

[8] Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

In dieser Ausgabe
Das könnte Sie auch interessieren

Generalanwalt beim EuGH: Mindest- und Höchstsätze der HOAI auch in Altfällen zwischen Privaten nicht mehr anwendbar

Mit seinen Schlussanträgen vom 15. Juli 2021 hat der Generalanwalt beim EuGH Maciej Szpunar für Honorarstreitigkeiten unter Geltung der HOAI 2013 betont, dass auch bei...
mehr

Zulässigkeit von Tätowierungen im Beamtenrecht

Für viele Personen sind Tätowierungen Ausdruck ihrer persönlichen Erfahrungen und ihrer Persönlichkeit. Häufig zieren die bunten Motive auch nur als modisches Accessoire den Körper ihres...
mehr

Sonderurlaub wegen Unwetterschäden? – Was Sie jetzt wissen müssen.

Im Wohnzimmer steht das Wasser kniehoch, das Schlafzimmer ist voller Schlamm und der Keller ist gar nicht mehr betretbar. So oder so ähnlich sieht es...
mehr

KPMG Law launcht externe Projektbörse „Flexible Workforce“

Die KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH (KPMG Law) hat mit dem Portal „Flexible Workforce“ eine Projektbörse gelauncht, die externen Juristinnen und Juristen eine flexible Projektarbeit ermöglicht.
mehr
KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH verwendet Cookies, die für die Funktionalität und das Nutzerverhalten auf der Website notwendig sind. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu, wie sie in der Datenschutzerklärung von KPMG im Detail ausgeführt ist. Schließen