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Dennis Hillemann
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Öffentliches Wirtschaftsrecht 02/2019April 2019

Die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain in Bildung und Wissenschaft

Die Anwendungsbereiche der Blockchain in der öffentlichen Verwaltung sind sehr breit. Das Leben eines im Jahr 2025 geborenen Kindes könnte in Zukunft vollständig in der Blockchain gespeichert und „verwaltet“ werden. Was sich zunächst wie eine befremdliche 1984-Vision anhört, bietet bei genauerem Nachdenken große Vorteile, die viele lästige Behördengänge entfallen lässt und das Leben dramatisch vereinfachen kann — wenn natürlich die Datenschutzbelange geklärt werden. So könnte das Kind der Zukunft Schule und Universität innerhalb der Blockchain absolvieren.

Bereits heute besteht mit der Woolf University die erste Blockchain-basierte Universität. Nach der Vorstellung der Gründer soll eine „grenzenlose akademische Gemeinschaft“ entstehen. Woolf solle im Bereich der Universitäten werden, was Uber im Nahverkehr und Airbnb bei Übernachtungen ist. Renommierte Wissenschaftler sollen über diese Plattform ihr Fachwissen über eine App anbieten, die Studierenden buchen die Kurse je nach Bedarf. Der Unterricht erfolgt u.a. via Skype. Darüber hinaus experimentiert auch die University of Nicosia in der Hauptstadt Zyperns mit Blockchain-basierten Systemen, u.a. zur Speicherung akademischer Zertifikate auf der Bitcoin Blockchain.

Die Frankfurt School of Finance & Management erteilt bereits laut eigener Pressemitteilung als erste Hochschule Deutschlands Blockchain-basierte Zertifikate für einen Studiengang. Die ersten Empfänger sind Studierende des Zertifikatsstudiengangs „Certified Blockchain Expert“. Mithilfe der Blockchain-Technologie können fälschungssichere Zeugnisse und Bescheinigungen digital ausgestellt, verwaltet und dauerhaft zur Verfügung gestellt werden. Wartezeiten und Gebühren für die Beglaubigung eines Zeugnisses fallen dadurch weg. Für das Pilotprojekt arbeitet die Hochschule mit Consensys zusammen. Die Firma ist im Blockchain-Bereich zusammen mit anderen Softwarefirmen führend.

 

„Blockchain for Education platform“

Wie ein solches Blockchain-basiertes System für Bildungsnachweise und Zertifikate funktionieren kann, erforschen u.a. die Fraunhofer Institute FIT (Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik), AISEC (Fraunhofer Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit) sowie die Fraunhofer Academy. Ein Prototyp der „Blockchain for Education platform“ wurde bereits entwickelt. Im Folgenden werden Funktionsweise und Vorteile einer solchen Plattform aufgezeigt. Ziel des Projekts ist es, ein System zu schaffen, welches es ermöglicht, Zertifikate mithilfe einer Blockchain ausstellen, verwalten, überprüfen und teilen zu können.

Als erstes werden von einer Akkreditierungsstelle zwei „Smart Contracts“ auf der Blockchain „Ethereum“ hinterlegt. Smart Contracts sind automatisierte Verträge, bei denen eine bestimmte Aktivität ausgeführt wird, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt („Wenn-Dann-Regeln“). Der erste der Verträge ermöglicht es der Akkreditierungsstelle Zertifizierungsstellen (z.B. Universitäten)hinzuzufügen, zu bearbeiten und zu entfernen. Der zweite Vertrag verwaltet den Lebenszyklus der über die Blockchain ausgestellten Zertifikate. Im ersten Vertrag registrieren die Akkreditierungsstellen die Zertifizierungsstellen, die legitime Aussteller von Zertifikaten über die Blockchain werden sollen. Auf der Blockchain werden zudem außerhalb der Smart Contracts öffentliche und nicht-persönliche Informationen zur Zertifizierungsstelle in einem Profil gespeichert, Informationen über die Zertifizierenden oder Lernende sind nicht enthalten. Die Informationen dieses Speichersystems sind öffentlich zugänglich und dienen der Überprüfbarkeit der Zertifizierungsstellen.Die registrierte Zertifizierungsstelle kann dann wiederum Zertifizierende (i.d.R. ihre Angestellten) im ersten Vertrag auf der Blockchain registrieren und diese zum Ausstellen von Zertifikaten über die Blockchain berechtigen. Der Smart Contract stellt dabei sicher, dass ausschließlich zugelassene Zertifizierungsstellen diese Berechtigungen vergeben können. Der Zertifizierende trägt alle notwendigen Informationen für ein Zertifikat zusammen, unterzeichnet dies und speichert es im Dokumentenmanagement-System. Der digitale Fingerabdruck wird dabei in der Blockchain hinterlegt und eingereiht („Hash“).

Der zweite Smart Contract ermöglicht den Zertifizierenden, Zertifikate zu erstellen, zu widerrufen oder zu löschen. Der Vertrag lässt dies dabei nur zu, sofern es sich bei dem Bearbeiter um einen berechtigten Zertifizierenden einer registrierten Zertifizierungsstelle handelt. Jeder manipulativeEingriff lässt sich entweder über die Blockchain auf einen Zertifizierenden klar zurückverfolgen oder wird gar nicht erst ermöglicht. Mithilfe des zweiten Vertrages wird ein Zertifikatseintrag auf der Blockchain hinterlegt, in dem der Hash sowie die Gültigkeitsdauer enthalten sind. Dies ermöglicht eine automatisierte Gültigkeitsüberprüfung sowie einen unkomplizierten Widerruf von Zertifikaten, beispielsweise im Fall von Plagiarismus oder einer auslaufenden zeitlichen Befristung.

Die Identifizierung der registrierten Instanzen erfolgt dabei über ihre „Ethereum adress“. Die Rückführung einer solchen Adresse auf den dahinter stehenden Besitzer der Adresse ist nur schwer möglich. Die Zertifizierungsstellen müssen den Zugang auf ihre gespeicherten Profilinformationen ermöglichen, da Zertifikate andernfalls vollständig anonym blieben und diese damit nicht geeignetwären, einen anerkannten Leistungsausweis darzustellen. Bei den gespeicherten Informationen handelt es sich nur um öffentlich zugängliche Informationen zur Zertifizierungsstelle, die zuvor ausschließlich die Akkreditierungsstelle abgespeichert hat. Durch dieses System werden die Anonymität und die persönlichen Informationen einzelner Personen, insb. der Zertifizierenden und Lernenden geschützt. Diese Informationen nicht auf der Blockchain selbst zu speichern hat dieVorteile, dass entsprechend der Datenschutzbestimmungen keine persönlichen Daten auf der Blockchain hinterlegt werden und zum anderen teurer Speicherplatz eingespart wird.

Mithilfe eines Services des Dokumentenmanagement-Systems können Lernende Bewerbungsportfolios mit den ihnen zugeteilten Zertifikaten erstellen, verwalten und potenziellen Arbeitgebern zur Verfügung stellen. Dazu muss der Lernende sich in dem Dokumentenmanagement-System registrieren. Dieses befindet sich nicht auf der Blockchain sondern in einem zentralisiertenSystem.

Die Unternehmen, die Blockchain-basierte Zertifikate erhalten, können diese dann mithilfe des digitalen Fingerabdrucks auf der Blockchain einfach auf Echtheit und Gültigkeit überprüfen. Dafür können die Unternehmen mithilfe einer Anwendung Zertifikate hochladen oder deren Hash eingeben. Das System überprüft dann automatisch, ob der digitale Fingerabdruck des Zertifikats in der Blockchain vorhanden ist.

Eine solche Plattform hat entscheidende Vorteile. Der Arbeits- und Kostenaufwand zur Überprüfung von Echtheit und Gültigkeit von Zertifikaten kann auf Seiten der potenziellen Arbeitgeber deutlich verringert werden. Sofern unbeglaubigte Kopien eingereicht werden, können diese ohne die Blockchain-Technologie bisher nur durch Nachfrage bei der ausstellenden Zertifizierungsstelle verifiziert werden. Selbst wenn die Zertifizierungsstelle nicht mehr besteht, lässt sich mithilfe der Blockchain-basierten Zertifikate die Echtheit weiterhin überprüfen, da die Speicherung der Informationen ewig erfolgt und somit weiterhin nachvollziehbar bleibt. Zudem würde der Aufwand der Zertifizierungsstellen für die Verwaltung von Registern und Datenbankern für die Zertifikate minimiert und Kosten verringert werden. Die Blockchain-basierte Ausstellung von Zertifikaten ist darüber hinaus fälschungssicher und ermöglicht eine automatisierte Überprüfung von befristet ausgestellten Zertifikaten sowie einen sicheren Zugang zur Plattform und zur Verwaltung der Zertifikate. Lernenden wird auf einfachem Weg ermöglicht, Bewerbungsportfolios aus Zertifikaten, Zeugnissen und allen anderen denkbaren Bildungs-/ und Leistungsnachweisen zusammenzustellen und mit selbst ausgewählten Dritten, wie potenziellen Arbeitgebern, zu teilen. Die Übersendung von beglaubigten Kopien wird überflüssig und spart somit Verwaltungs-, Zeit- und Kostenaufwand ein.

Neben der Fraunhofer-Gesellschaft haben auch andere Einrichtungen bereits ähnliche Projekte realisiert, z.B. die MIT Media Lab Initiative gemeinsam mit einem Anbieter von Unternehmenssoftware mit ihrem Open-Source-System „Blockcerts“. Die Fraunhofer-Institute sehen in ihrer „Blockchain for Education platform“ jedoch Vorteile „Blockcerts“ gegenüber. Beispielsweise können im Gegensatz zu „Blockcerts“ widerrufene Zertifikate weder angezeigt noch überprüft werden. Darüber hinaus bleibt der Zertifizierende bei der „Blockchain for education platform“ anonym, während trotzdem sichergestellt ist, dass er einer akkreditierten Zertifizierungsstelle angehört. Die Plattform der Fraunhofer-Gesellschaft soll in den weiteren Phasen des Projekts noch weiterentwickelt werden. Kooperationspartner werden für die weitere Realisierung gesucht.

 

US-Universitäten und Kryptowährungen

Während sich institutionelle Investoren zunächst von den volatilen und risikoreichen Kryptowährungen wie Bitcoin, Etherum und anderen ferngehalten haben, steigen nun immer mehr in diese Welt ein. Diese Entwicklung zeigt sich unter anderem an der Investitionsbereitschaft bekannter US-amerikanischer Universitäten im Bereich der Kryptowährungen.

So hat beispielsweise der Stiftungsfonds der Elite-Universität Yale – der zweitgrößte nach Harvard – im Jahr 2018 seine ersten Krypto-Investments vorgenommen. Die Investitionen, deren genaue Höhe nicht bekannt ist, flossen in zwei unterschiedliche Krypto-Fonds. Ein Anteil wurde in dem 300 Millionen US-Dollar Krypto-Fonds der bekannten Risikokapitalfirma Andreesen Horrowitz angelegt, ein zweiter Teil ging an den neu gegründeten Fonds „Paradigm“. Letzterer zielt nicht nur auf Investitionen im Bereich der Kryptowährungen, sondern auch auf den der Blockchain-Technologie im Allgemeinen ab. Die Investitionen in Krypto-Fonds sind Teil einer neuen Strategie, nach der im Jahr 2019 60% des Stiftungsvermögens für alternative Anlagen verwendet werden sollen. Neben der Beteiligung an Kryptowährungen gehören auch Venture Capital, Hedge-Fonds und weitere Anlagen zur Strategie. Die Investition des Yale-Stiftungsfonds gilt als richtungsweisend. Der langjährige Manager des Fonds, David Swensen, gilt als Pionier in institutionellen Anlagen. Andere Stiftungen sind seiner Strategie bereits oft gefolgt.

Auch die University of Michigan hatte im Jahr 2018 bereits rund 2,5 Millionen Euro in einen Kryptowährungsfonds des Risikokapitalgebers Andreesen Horrowitz investiert und im Februar diesen Jahres beschlossen, eine Folgeinvestition zu tätigen. Der Betrag der Folgeinvestition ist – zumindest derzeit – noch nicht bekannt. In einem Dokument der Universitätsstiftung wird ausgeführt, dass Kryptowährungen zu einem wichtigen Bereich der Innovation und des Unternehmertums geworden seien und der Technologie Aufmerksamkeit zu schenken sei.

Im Oktober 2018 wurde zudem über die Universität Harvard – mit dem größten Vermögen aller Hochschuleinrichtungen weltweit – berichtet, dass diese in „mindestens einen Kryptowährungsfonds“ investiert habe. In diesem Bericht werden auch die Stanford University, das Dartmouth College, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie die University of North Carolina als weitere Investoren benannt.

Es zeigt sich also ein klarer Trend zum Eintritt US-amerikanischer Universitätsstiftungen in den Krypto-Raum und damit einhergehend eine Institutionalisierung dieses Investmentbereichs.

 

Ausblick

Zweifellos bietet die Blockchain unglaubliches Potential, unser Leben auf allen Ebenen zu verändern. Mit neuen Möglichkeiten gehen aber auch viele neue Herausforderungen einher. Gerade der Datenschutz steht in einem Spannungsverhältnis zur neuartigen Technologie. Im Hinblick darauf sollten wir jedoch nicht vorschnell eine Technologie aufgeben, die das Potential bietet, unser Leben in einer (positiven) Weise zu verändern wie es das Internet zuletzt getan hat. Unabhängig von der möglichen Regulierung von Blockchain-Systemen arbeiten unzählige Programmierer an datenschutzorientierten Lösungen. Beispiele wie MoneroZCash und Verge sind hier zu nennen. Sie haben das Ziel Zahlungssysteme innerhalb der Blockchain zu anonymisieren. Ähnliche Entwicklungen sind auch für die zahlreichen anderen Nutzungsmöglichkeiten der Blockchain zu erwarten.

Erforderlich ist für die Entwicklung der neuen Technologie jedoch die Bereitschaft der Politik und Wissenschaft, sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Gespannt sein darf man auf die für kommenden Sommer angekündigte Blockchain-Strategie der Bundesregierung – sind die Ausführungen zu Blockchain im Koalitionsvertrag doch nur vage. Wenn das im November 2018 abgegebene Versprechen der Schaffung eines geeigneten Rechtsrahmens zur Erschließung der Potentiale der Technologie umgesetzt werden sollte, wären Tür und Tor geöffnet, um auch die öffentliche Verwaltung für Kryptowährungen und weitere Blockchain-basierte Technologien zu begeistern und Deutschland womöglich zum nächsten „Crypto-Valley“ zu machen.

 

 

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Dennis Hillemann
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Dennis Hillemann
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